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1. JK-Text August 2010

Spuren Gottes – Spuren der Menschen

 

Gott erfahren in den Werken der Menschen

 

Aus: Predigt vom 19. Mai 1963; in Aus dem Glauben Leben, 7, 133-136

 

Für viele Menschen ist die Gotteserfahrung in der Natur immer wieder gegeben und möglich. In der freien Natur, am Meer, in den Bergen, vor einem schönen Sonnenaufgang oder einem herrlichen Abendrot oder bunten Herbstwald kann eine Stimmung in der menschlichen Seele entstehen, die im weiten oder engen Sinn religiös ist.

Doch schwierig wird es bei der vom Menschen gemachten Welt. Der heutige Mensch lebt umgeben von Dingen, die der Mensch gemacht hat. Wenn er nach ihrem Urheber fragt, dann wird er immer nur auf den Menschen verwiesen. Allenfalls sagt er, dass Gott dem Menschen die Intelligenz, und die Kraft gegeben hat, solches zu tun. Doch bleibt ein solcher Hinweis zu sehr äußerlich. Das, was die Tradition aller Völker auch der christlichen in der Vergangenheit und bis heute von der Schöpfung als einem Abbild Gottes gesagt hat, ist so noch nicht von den Werken der Technik erarbeitet. Eine Brücke als Abbild Gottes, ein Atomkraftwerk usw. als Abbild Gottes….

Hier ist eine neue kulturelle Arbeit zu leisten. Es kommt sehr darauf an, dass wir auch hier Gott und Mensch ineinander sehen können und nicht nur hintereinander. Wie ist dieser Weg? Ich habe mir im Lauf der letzten Jahre an der Stelle folgendes erarbeitet. Die Brücke – ich kann sagen – dass Brücken mir immer etwas bedeuten und ich Ingenieure, die solches bewerkstelligen, echt bewundere. Auf diese weist die Brücke tatsächlich hin, dazu auf die Arbeiter, die mitgewirkt haben. Sie verweist auf den bauenden Ingenieur. Doch bevor er ein ausführender Ingenieur ist, ist er ein planender. Die Brücke entsteht in seinem Kopf und seinem Herzen.  Fast die Hauptarbeit besteht darin, die Brücke innerlich zu entwerfen, zu konzipieren, zu empfangen. Bevor sie in der Realität ist, ist sie in der Idealität seines Innern. Ein Bild von ihr ist in seinem Innern.

Und dann kann ich für mich erleben, wie dieses Bild von Gott in sein Inneres eingesenkt wird, in seinem Innern als Abbild des denkenden Gottes entsteht. Seine Gedanken werden nachgedacht, die Gesetzmäßigkeiten, die er geschaffen hat, erkannt und angewandt. Der Blick auf die Brücke ist ein Blick in das Innere von Menschen, in denen die Brücke zuerst war. Und ist in diesem Innern ein Blick hinein in die Gedanken Gottes. Das ist allerdings hier jetzt nur ganz kurz angedeutet. Doch auch das gehört zur "Werkzeugsfrömmigkeit".

Da verstehen wir, wie schwer für die heutigen Menschen das Beten ist. Sein Glaube ist ja abgekühlt. Wir brauchen bloß einmal ins eigene Herz hineinschauen. Es sind ja so viele Schichten zwischen uns und dem lebendigen Gott, irdische Schichte: die Welt schiebt sich hinein, tief hinein zwischen mich und den lebendigen Gott. So weit entfernt ist er. Ob er überhaupt noch existiert?

Wir haben in diesen Tagen ja wieder aufgehorcht, als uns wieder von Weltraumfliegern berichtet wurde. Mit welcher Bewunderung stehen wir vor der Größe des Menschengeistes. Was bringt der nicht alles fertig! Wir vergessen dabei aber nicht, dass all derartige Ereignisse allmählich ein eigenartiges Lebensgefühl im modernen Menschen großziehen. Früher, zu Großvaters Zeiten, ja wie war das ganz anders, wenn wir dann lasen oder in der Predigt hörten: die ganze Schöpfung, vestigia Dei. Schöpfing, was ist das? Spuren Gottes. Gott hat seinen Herrlichkeitsmantel angezogen, und dieser Mantel seiner Herrlichkeit – das ist die gesamte Schöpfung -, weist hin auf den Schöpfer.

Spuren Gottes in der Schöpfung, der Gedanke ist uns geläufig. Schöpfung getrennt von Gott existierte für uns nicht. Und heute? Modernes Lebensgefühl, das sieht die Welt, alles, was in der Welt ist – leider Gottes müssen wir sagen – in eigen-, einzigartiger Weise als eine Spur der Menschen, des Menschengeistes. Der Menschengeist scheint heute der Fabrikator zu sein, der Former, der Gestalter der Welt – ist es auch. Deswegen verbinden wir die Welt viel mehr mit den Menschen heute als mit dem ewigen, dem unendlichen, dem lebendigen Gott. Und deswegen, nicht zuletzt auch deswegen fällt es dem heutigen Menschen so schwer zu beten, das heißt die Fühlung mit dem lebendigen Gott zu finden. Verbindung mit dem Menschengeist, Vergötzung des Menschengeistes, ja das ist leicht; aber Gott hinter "Wundern"… die der menschliche Geist heute zu wirken scheint, … Unmöglich sollte es nicht sein.

Die Älteren von uns mögen sich mit mir daran erinnern, wie das seinerzeit in Deutschland war, als Graf Zeppelin das erste große Flugzeug fertig hatte. Ein religiöser Mann war er. Ehe der erste Flug startete, kniete er sich nieder mit seiner Gefolgschaft und betete. Und als er wider Erwarten geglückt, als alles voller Bewunderung zu ihm emporschaute, da gestand er überaus demütig: Nicht ich, der lebendige Gott ist der Künstler, der mich als Werkzeug benutzt hat. Was das heißt? Der Menschengeist mag noch so machtvoll sein, so geistvoll sein, so schöpferisch sein, ja, ich meine fast sagen zu müssen, je schöpferischer der menschliche Geist sich entpuppt und entfaltet, desto größer steht der ewige, der lebendige Gott vor unserem geistigen Auge. Deus semper maior (=Gott ist immer noch größer). Wenn ich Gott messe – und ich muss das ja wohl, wenn ich als Mensch ein wenig Verständnis von Gottes Größe haben will -, wenn ich Gottes Größe messe an der Größe der Schöpfung und ich habe dann etwa als Maßstab einen Maulwurfshügel, dann besagt das nicht viel. Wenn ich aber den höchsten Berg nehme und dann sage, gemessen an diesem Berge, Gott ist unendlich größer, was ist das für ein überzeugender Hinweis auf seine Größe. (…)

So mag dann der menschliche Geist an sich wachsen: in die Höhe, in die Weite, in die Länge, in die Breite und Tiefe, letzten Endes ist das noch ein Hinweis: Gott ist unendlich größer, unendlich weiser. Es dürfte also nicht sein, dass das Große, was der Menschengeist heute fertigbringt, eine Wand aufrichtet zwischen uns und dem lebendigen Gott. Unser modernes Lebensgefühl muss wiederum geläuterter werden. Wir müssen hinter allem den ewigen, den lebendigen Gott sehen.

Josef Kentenich